Marktübersicht connected car betriebssysteme aus DrWindows

Ausgeschnitten aus: http://www.drwindows.de/content/11641-unsichtbare-dritte-marktueberblick-ueber-connected-car-betriebssysteme.html

Ein Gastbeitrag von Claus Ludewig.
Bevor der eigentliche Beitrag startet, ein paar Anmerkungen zu meiner Person. Von Kindesbeinen an verfolge ich die Entwicklungen der Automobilindustrie und nutze Microsoft-Produkte. Seit dem Start des Windows Insider Programms teste ich Insider-Previews von Windows 10. Mein täglicher Begleiter ist ein Surface. Und natürlich bin ich auch im Dr. Windows-Forum aktiv. Und nun auf geht’s:

Im Jahr 2001 ging ein Aufschrei durch die automobile Welt. Der 7er BMW polarisierte nicht nur mit seinem eigenwilligem Äußeren, sondern auch mit einer neuartigen Bedienlogik im Innenraum: Dem iDrive-System. Über einen im Mitteltunnel zwischen Fahrer und Beifahrer angebrachten Dreh-Drück-Steller konnte man verschiedene Funktionen auf einem Display steuern. Bislang war es üblich, alles über stationäre Tasten zu bedienen, BMW brach mit dieser Gewohnheit. Egal, ob es um den Radiosender, die Klimaanlage oder das nächste Reiseziel geht, alles soll über ein zentrales Bedienelement erreichbar sein.

Die Etablierten
Aktuell weit verbreitet in Sachen Betriebssystem für Navigationssysteme ist QNX. 1982 erblickte das OS für embedded systems unter dem Namen QUNIX das Licht der Welt. Zwei Jahre später wurde es in QNX umbenannt. Im Jahr 2004 kaufte Harman International Industries die Firma samt Software auf. Am 9. April 2010 wird öffentlich bekannt gegeben, dass das kanadische Unternehmen Research in Motion – heute heißt es schlicht BlackBerry – QNX aufkauft.

Die QNX Car Application Platform lief Mitte 2011 in mehr als 20 Millionen Fahrzeugen weltweit. Daneben bildet QNX die Grundlage für das eigene Betriebssystem des Tablet-PCs BlackBerry PlayBook, welches im September 2010 auf den Markt gekommen war. 

Aktuell läuft die QNX Car Platform in mehr als 60 Millionen PKW. Neben dem VW-Konzern setzt auch BMW – mittlerweile – auf die kanadische Software. Ein Grund für die Beliebtheit ist die Flexibilität. Die Benutzeroberfläche kann von den Automobilherstellern angepasst und mit einer eigenen Bedienlogik versehen werden. Je nach Hersteller gibt es die Möglichkeit, das QNX-basierte System via Over-the-Air-Update auf den neuesten Stand zu bringen. 

Verpasst Microsoft wieder einen wichtigen Markt?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir wieder eine Reise in die Vergangenheit unternehmen. Der Redmonder Softwarekonzern hat sein eigenes Betriebssystem Windows Embedded Automotive am 4. Dezember 1998 auf den Markt gebracht. Technische Basis war Windows CE 2.0. Nicht mal zwei Jahre später kam der Nachfolger, der nun Windows CE for Automotive hieß, in die Autos. 

Neu mit dabei waren Apps, wie ein Datei-Explorer. 2002 dann erneut eine neue Version und wieder ein neuer Name: Windows Automotive. Diesmal gab es erstmals Unterstützung für das .NET-Framework.

Als BMW das iDrive-System veröffentlicht, läuft es mit einer Embedded-Variante von Windows. Das war im Jahr 2001. Die erste Version litt jedoch unter der hohen Komplexität der Benutzeroberfläche, die BMW selbst entwickelte, und unter einer schwachen Performance, die dem technischen Unterbau geschuldet war. Denn Windows CE konnte nur mit gemächlicher Hardware arbeiten. Für die zweite iDrive-Generation, die im Jahr 2008 ihr Debüt feierte, wechselte das Münchner Unternehmen zu BlackBerrys QNX-System. Bis heute ist man dabeigeblieben. Und hat nebenbei auch noch eine intuitive UI integriert.

Fiat greift seit 2006 auf die Hilfe von Microsoft zurück. Das Blue&Me-System wurde in Kooperation von Magneti Marelli (Automobilzulieferer, der zum Fiat-Konzern gehört) und Microsoft entwickelt. Der prinzipielle Gedanke ist, dass der Fahrer in Kombination mit einem Bluetooth-gekoppeltem Telefon, via Sprachsteuerung Befehle geben kann, um z.B. Telefonnummern eingeben zu können. Außerdem ist die Blue&Me-Plattform offen für andere Anwendungen, so dass es beispielsweise um eine Navigationssoftware ergänzt wurde. Der italienische Autokonzern hat 2007 mit dem Navigationsgerät Blue&Me Map sogar eine mobile Lösung entwickelt, die man aus dem Auto ausbauen und bei Bedarf wieder in die Halterung stecken kann. Mit den neuen Navigationssystemen in der in 2016 vorgestellten Limousine Giulia, wechselt auch Alfa Romeo von Microsoft zu BlackBerry.

Im Januar 2007 wurde das Ford SYNC-Navigationssystem auf der NAIAS Automesse in New York vorgestellt. Die Basis lieferte Microsoft mit Windows Automotive beziehungsweise Microsoft Auto, wie man das Embedded-Betriebssystem nun nannte. Ford sicherte sich zudem ein Exklusivrecht, das den anderen Automobilkunden von Microsoft verboten hatte, die Benutzeroberfläche von Ford SYNC oder die Ford-Apps zu nutzen. Die Vereinbarung lief Ende 2008 aus. Das Navigations- und Infotainmentsystem basiert immer noch auf Windows CE. Die veraltete Hardware und Abstürze des Systems führten zu massiven Protesten der Kunden und auch die Entwickler bei der Ford Motor Company waren unzufrieden. Daher kehrte man 2014 Microsoft den Rücken und wechselte zu BlackBerrys QNX. Seit Ford SYNC 3 wird nun die kanadische Software verwendet. Diese bietet auch die Möglichkeit, Android Auto oder Apple Carplay zu nutzen. Das Betriebssystem lässt sich via Over-the-Air-Update aktualisieren. Um die Datenmenge nicht über Mobilfunknetzwerke laufen zulassen, läuft das Ford Service Delivery Network über Microsoft Azure-Server ab, die den Datenstrom via Wi-Fi verteilen.

Der vierte Hersteller, der Windows im Auto genutzt hatte, war Kia. Seit 2011 wurden die UVO-System ausgeliefert – in den USA. Dort bekam man allerdings keine Navigationsfunktion. Und seit einiger Zeit nutzt auch Kia, genauso wie die Konzernschwester Hyundai, QNX-basierte Navigationsgeräte.

Microsoft ist also erstmal raus aus dem Markt für Connected Car-Betriebssysteme.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass QNX eine Marktmacht innehat, was Betriebssysteme in Fahrzeugen angeht. Folgende Konzerne/Marken nutzen das BlackBerry-System:

– BMW-Konzern: BMW, MINI, Rolls-Royce
– FCA (Fiat Chrysler Automobile): Abarth, Alfa Romeo, Chrysler, Dodge, Ferrari, Fiat, Jeep, Lancia, Maserati, RAM Trucks, SRT
– Ford, Lincoln
– GM: Buick, Cadillac, Chevrolet, GMC, Holden, Opel, Vauxhall
– Jaguar-Land-Rover
– Kia-Hyundai -> ein eigenes OS für Connected Cars befindet sich in Entwicklung (genannt ccOS) und soll bis 2020 fertig sein
– Mercedes
– Toyota
– VW-Konzern: Audi, Lamborghini, Seat, Skoda, Porsche, VW
– Und ein paar weitere Hersteller

Insgesamt nutzen mehr als 40 OEM-Partner die QNX-Systeme für Navigationsgeräte bzw. für andere Komponenten. Dazu zählen beispielsweise: Steuerungssoftware für Fahrerassistenzsysteme oder auch Software für die Darstellung von digitalen Instrumenten.

Konkurrenz aus der IT-Branche
BlackBerry ist natürlich nicht alleine auf dem Markt der Automobilindustrie. Das US-amerikanische Unternehmen Inrix hat im März OpenCar Inc. aufgekauft. Diese hat eine Navigationslösung entwickelt, die in Modellen von Mazda zum Einsatz kommt. Das Betriebssystem lässt sich via Over-the-air-Update auf den neuesten Stand bringen und bietet den Automobilherstellern die Möglichkeit, eine eigene Benutzeroberfläche zu schreiben, damit das Look-and-Feel des Infotainmentsystems auch zur Marke passt. Inrix Inc. selbst ist seit einigen Jahren als Zulieferer aktiv, denn sie haben die Technologie und den Service für die Echtzeitverkehrsinfo entwickelt. Mit einem Ampelsystem wird auf der Navigationskarte angezeigt, ob der Verkehr flüssig fließt (grüne Farbe), es etwas zäh ist (gelb) oder ein Stau vorhanden ist (rot). Neben den deutschen Premium-Autobauern nutzt beispielsweise auch Volvo die Infos des Unternehmens aus Seattle. Und auch Microsoft setzt bei der eigenen Karten-App auf die Daten von Inrix. 

Daneben ist Google ein Konkurrent auf dem Automotive-Markt. Hierbei werden zwei verschiedene Lösungen angeboten. Zum einen Android Auto. Damit kann man ausgewählte Apps von einem im Fahrzeug angeschlossenen Android-Smartphone auf das Display im Armaturenbrett spiegeln. Allerdings sind nur speziell zugelassene Applikationen verfügbar, kein Vergleich also zum „normalen“ Betrieb des Smartphones. Android Auto wird ausschließlich in Verbindung mit einem Festeinbau-Navigationsgerät verkauft. Es ist also nur eine Ergänzung der eigentlichen Navigationslösung. Zum anderen vertreibt Google Android auch direkt an Automobilhersteller. Honda nutzt das System aus Mountain View.

Die große Unbekannte ist da noch Apple. Aktuell bietet man mit Carplay ein Äquivalent zu Android Auto für iPhone-Nutzer an. Laut Gerüchten wird bei Apple an einer Softwarelösung für Connected Cars gearbeitet.

Der Elektroauto-Spezialist Tesla setzt beim serienmäßigen Touchscreen auf eine eigens angepasste Linux-Version von Ubuntu. Als Hardware werden Prozessoren von Nvidia verbaut.

Doch auch Microsoft ist nicht untätig. Mit Renault-Nissan ist eine Partnerschaft geschlossen worden, so dass Azure-Dienste für den Aufbau und die Betreuung von Dienstleistungen rund um das eigene Fahrzeug genutzt werden. Beispielsweise für Apps, die Informationen liefern, wo das Auto geparkt wurde. Toyota hat ein Joint-Venture angekündigt, um gemeinsam mit Microsoft an Systemen für autonome Fahrzeuge zu arbeiten. Außerdem setzen die Japaner auf Azure-Cloudtechnologie. Mit BMW kooperiert Microsoft ebenfalls und hat den ConnectedDrive-Dienst auf Microsoft Azure aufgebaut. Zusätzlich bietet man eine Office 365-Integration in den BMW Navigationssystemen an. Und im neuen 5er BMW (intern G30 genannt) gibt es sogar ein Hauptmenü in Kacheloptik mit Live-Status (Video). Mercedes offeriert auch eine Integration von Office 365. Dabei werden E-Mails, der Outlook-Kalender und die Kontakte mit dem Fahrzeug synchronisiert. Volvo hat nun (am 28. Dezember) angekündigt, eine Skype for Business-App in seinem Navigationssystem vorzuinstallieren. Microsoft will mit Services seinen Platz hinter dem Lenkrad finden. Der unsichtbare Dritte?!

Was man in Zukunft in Redmond in Sachen Connected Car anstellen könnte, erfahrt Ihr in Teil 2, der demnächst an dieser Stelle folgt

Quellenverzeichnis und weitere Informationen:

DAVIES, JAMIE: Toyota and Microsoft launch connected car initiative.[05.04.2016].

JELICA, ALBERT: Skype for Business zukünftig auf Volvo XC90, V90 & S90 vorinstalliert. [28.12.2016].

MICROSOFT: Renault-Nissan and Microsoft partner to deliver the future of connected driving. [26.09.2016].

MEARIAN, LUCAS: Why Ford is dumping Microsoft for Blackberry’s QNX OS. [26.02.2014].

QNX

RAVI, SANJAY: BMW partners with Microsoft to build a new kind of car intelligence. [01.04.2016].

SHAPIRO, DANNY: City of Angels – NVIDIA-Powered Cars Unveiled at Los Angeles Auto Show. [19.11.2016].

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